PRESSE

Zehnthaus Jockgrim                   

Dialog Ost /West            

9.02-9.März 2020


Städtische Galerie im

Königin- Christinen-Haus in Zeven

Ausstellungseröffnung 

1. Sept. - 24.Nov.2019,  15:00 Uhr

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Weser Kurier Bremen, 1998

 

 

 

 

 

Neue Keramik Magazin, 1998


Kreisblatt Osterholz-Scharmbeck/Worpswede, 2002


Einladung zum Kunstpreis des Landkreises Osterholz, 2007


Kreisblatt Osterholz-Scharmbeck Worpswede, 2008


Badische Zeitung, 2011

 

 

2016 Artist Residence in Süd Korea internat. Keramik Museum in Samnye 

 


Weser Report, 2017

Norddeutsche Zeitung, 2017

Rede von Dr. Arthur Mehlstäubler

Meine Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde der Kunst,

 

vor etwa 120 Jahren war die Welt noch einfach. Es gab Kunst und es gab Kunsthandwerk. Es gab den Maler und es gab den Töpfer. Der Kunst gebührte die Krone, dem Kunsthandwerk aber nur ein Orden aus Blech. Heute verhält es sich anders. Die Einsicht folgte: Beide bedingen sich gegenseitig.

 

Dies zeigt diese Ausstellung deutlich. Den Gemälden und Zeichnungen Holger Fitterers stehen die keramischen Plastiken Lee Kab-Joos mit gleichem künstlerischem Anspruch gegenüber. Lee Kab-Joos Künstlername „Su Min“ bedeutet Wasser und Licht. Während viele hiesige Keramiker Inspiration durch Reisen nach Asien suchen, war es bei der gebürtigen Südkoreanerin gerade umgekehrt: Als 22-Jährige nach Deutschland übergesiedelt kam sie erst hier mit Ton in enge Berührung. An der Hochschule der Künste in Berlin, wo sie Industrie-Design studierte, fand sie Zugang zu diesem vielseitigen Material. Es sei „der … reichste unter allen Werkstoffen“, wie Max Laeuger, der Vater der modernen Keramik in Deutschland, befand. Denn Ton lässt sich mit der Hand formen, aufbauen und gießen, er lässt sich schneiden, rollen und ritzen. Aus ihm können Gefäße, Plastiken, Reliefs und mit Hilfe farbiger Glasuren auch Gemälde entstehen. Keramik bietet nahezu grenzenlose Ausdrucksmöglichkeiten für die künstlerische Gestaltungsphantasie. Und es ist das natürlichste und nachhaltigste aller Materialien: Erde, Feuer, Wasser und Luft fügen sich zu Gebilden von nahezu unbegrenzter Lebensdauer. So bestehen die wesentlichen Hinterlassenschaften untergegangener Kulturen sehr häufig aus Keramik.

 

Ihren künstlerischen Weg setzte SuMin Lee Kab-Joo dann an der Hochschule der Künste in Bremen fort. Bildhauerei, von Professor Altenstein, und Keramik, von Professor Vehring vermittelt, bildeten von da ab in ihrem Werk eine bis heute andauernde, fruchtbare Symbiose. In ihrem frühen Werk suchten stelenartige, runde oder kantige Gebilde auf Wiesen und von hohen Bäumen umstanden die Verbindung von Erde und Himmel. Koreanische Schriftzeichen mit konfuzianischen Texten auf kopfartigen Plastiken kündeten von ostasiatischer Philosophie. Dann erhielten Brunnen blütenartige, aus Platten montierte Kelche, darin eine bekrönende Kugel als Symbol für Vollkommenheit und Harmonie. Kubische Skulpturen aus voneinander versetzt angebrachten Kompartimenten visualisieren künstlerisch die Stellung des Individuums zum Ganzen – Analyse und Synthese im spannungsvollen und zugleich symbiotischen, friedlichen Miteinander.

 

Mit dem Umzug 2009 aus dem Bremer Umland nach Hügelsheim bei Baden-Baden veränderte sich auch ihr Werk. Hier entstehen in den Atelierräumen der Wohnung und des Gartens in den letzten Jahren fragile Skulpturen ausschließlich in reiner Handarbeit: kugelige, transparente Gebilde wie die hier ausgestellten Exemplare. Sie heben die in der europäischen Kunst so typische, klare Trennung von Innen- und Außenraum auf, vielmehr strömen Licht und Luft hindurch, werden zu wesentlichen Komponenten ihrer sinnlichen und geistigen Wirkkraft. In mühevoller Montagetechnik gebaut werden sie in einem Teil glasiert oder engobiert und gebrannt. Mitunter kommt auch die japanische Rakutechnik mit ihren zufälligen Glasursprüngen zur Anwendung. Assoziationen mit toten Gebilden, mit pflanzlichen oder tierischen Skeletten – wie häufig geschehen – treffen bei diesen Skulpturen nur ungenügend zu; denn das Aufbrechen der Form und die rote und gelbe Farbigkeit an der  …...........

 

oberen Öffnung einiger dieser blütenkapselartigen Gebilde sind eher Zeichen von Leben, Fruchtbarkeit und Wachstum. So tragen manche der Exemplare den Titel „Seerose“, „Rose“ oder „Lotus“, die kaktusartige, hohe Stele gar „Frühling“.

 

SuMin pflegt auch das Fach der Malerei. Mit dem Pinsel und schwarzer Tusche flüchtig aufgetragen entstehen in der Tradition japanischer, chinesischer und koreanischer Vorläufer auf weißem, koreanischem Reispapier baumartige Gebilde und abstrakte Motive. Der Kreis etwa, ein Symbol aus der japanischen Kalligraphie, steht im Zen-Buddhismus für Leere, diese wiederum dort als Voraussetzung für das konzentrierte, intuitive Sich-Einlassen-Können auf Situationen. Formal und inhaltlich ergänzt werden die Zeichnungen durch koreanische und chinesische Schriftzeichen, die Texte etwa von Lao-Tse und Konfuzius wiedergeben.

 

SuMin Lee Kab-Joo ist eine Mittlerin zwischen Orient und Okzident, zwischen Osten und Westen. Als in Korea Geborene und Aufgewachsene steht sie dem Materialismus des Westens und seinem Ehrgeiz, durch Wissen und Wissenschaft die Welt verstehen, beherrschen und ausbeuten zu können, kritisch gegenüber. Diesem Versuch des Eindeutigseins und des Erklärenwollens setzt sie ihre transparenten, phantasievollen und letztlich einer klaren Definition sich entziehenden, ganzheitlich geformten und intuitiv erfühlten Keramikskulpturen entgegen, ihr, wie sie es selbst nennt, „Inneres Universum“, eben mit Kunst – im östlichen wie im westlichen Sinne!

 

 

Am Anfang der Malerei von Holger Fitterer war der Gegenstand. Als Fitterer zwischen 1996 und 2001 die Freie Kunstakademie Rhein/Ruhr in Essen besuchte, malte er bevorzugt Stillleben mit Flaschen, Trinkgläsern und Früchten. Schon damals war er auf der Suche nach harmonischer Bildgestaltung und war fasziniert von der Wirkkraft von Farbe. Sie ließ ihn sich vom Gegenstand lösen und führte den Künstler zu immer abstrakteren Kompositionen. Auf den zumeist kleinformatigen Gemälden dominierten zunehmend neben- und mitunter gitterartig übereinander gelegte, gerade Streifen aus natürlichen Farben als selbständige Bildelemente im umfassenden Konzert des Bildgefüges.

 

Vor etwa acht Jahren begann Fitterer, verstärkt mit größeren Bildformaten zu experimentieren. Zumeist senkrecht als lange, schmale Streifen gesetzt oder als dünne Pinselstriche eher flüchtig gemalt brachte die Farbe mit häufig impressionistischer Bewegtheit die großen Flächen der Leinwand in ein flimmerartiges Fließen. Auf den Arbeiten der letzten zwei Jahre haben sich dann die Striche und Streifen als Reaktion auf die großen Bildformate zu Bahnen verbreitert. Bevorzugt in Grün- und Blau-, aber auch in Braun- und Violetttönen bilden sie auf dunklem Grund mit starken Hell-Dunkel- und mitunter scharfen Farbkontrasten belebte Kompositionen von monumentaler Wirkung. In lang durchgezogenen, manchmal durch zwei nebeneinander montierten Flachpinseln erzeugten Bahnen erfolgte der Auftrag der Acrylfarbe, mal deckend, mal die darunter liegende Farbschicht mal nur ahnungsvoll, mal aber auch deutlich durchscheinen lassend. Die subtil wie ausgefranst wirkenden Ansätze des Pinsels sind Belege des Handwerklichen und beleben die Komposition. Der Weg des Künstlers, der ihn mit der Hilfe von Farbstreifen und –bahnen immer wieder zu abstrakten Kompositionen führt, ist in eine neue, experimentelle Phase eingetreten.

 

Das malerische Werk von Holger Fitterer begann mit gegenständlichen Motiven und führte (zwingend, zwangsläufig) in die Abstraktion. Seine Gemälde zeigen, dass Farbe und Form nicht wie in der traditionellen Bildenden Kunst zu trennen sind, sondern sie sich gegenseitig bedingen. Daher sind sie im besten Sinne des Wortes modern. Sie bilden nichts nach, sie sind freie Assoziationen der uns umgebenden Wirklichkeit. So gab der Künstler seinen Werken auch Phantasienamen: etwa Hakin, Bram oder Heimen. Nicht die Kunst folgt der Wirklichkeit, sondern die Wirklichkeit der Kunst.

 

Ganz ähnlich verhält es sich mit den Zeichnungen von Holger Fitterer. Wie zufällig wirkende, frei gesetzte, schwarze Striche und Linien aus Kohle bringen intuitiv alle gestalterischen Möglichkeiten moderner, abstrakter Kunst auf den Punkt: ein kalligraphisch anmutendes, spannungsvoll-widersprüchliches Spiel von Fülle und Leere, Trennen und Verbinden, Zerstörung und Aufbau. Die Fragilität der Komposition ist nur scheinbar, denn jeder Strich hat seinen richtigen Ort, ist dort unlösbarer Teil des harmonischen Ganzen. Auch hier wird Wirklichkeit vom Künstler nicht nachempfunden, er definiert sie immer wieder neu und offenbart durch sein Werk: Es gibt ihrer unendlich viele. Jede ist immer nur eine Momentaufnahme, immer wieder anders und immer wieder spannend.

 

Meine Damen und Herren, die keramischen Arbeiten von SuMin Lee Kab-Joo und die malerischen wie zeichnerischen Werke von Holger Fitterer sind zeitlos. Losgelöst von ihren Schöpfern bleibt ihre Wirkkraft von dauerhafter Nachhaltigkeit, denn Kunst, ernsthaft empfunden, erdacht und gestaltet, wird niemals Geschichte.

 

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit